Acker sucht Bauer

2018-12-07T14:48:44+00:007. Dezember 2018|Aktuelle Teilnehmer|

Oder

Unser Weg zu regionalen und saisonalen Bio-Lebensmitteln

Eigene Bio-Lebensmittel anbauen und dabei auch noch einen Hof retten? Bei manchen Chancen im Leben muss man einfach zuschlagen, auch wenn sie viel, viel Arbeit bedeuten! Deshalb gründeten wir eine Solidarische Landwirtschaft, die „Bio SoLaWi Auf dem Acker e.V.“.

Königstädten, 03.02.2018, Gruppenfoto der Mitglieder der SOLAWI „Auf Dem Acker“, Foto: Alexander Heimann

Sandra: Alles begann im September 2017. Die Eltern einer Freundin, Heike und Werner, Besitzer eines kleinen, ca. 11 Hektar großen Bio-Bauernhofs, suchten aufgrund des doch fortgeschrittenen Alters schon länger einen Nachfolger für ihren Hof. Das gestaltete sich nicht ganz so einfach, da man auf dem Hof aufgrund seiner Lage im Wasserschutzgebiet nicht wohnen kann – für viele Menschen, die einen Hof betreiben wollen, ist aber die Wohnmöglichkeit am Hof ein notwendiges Kriterium.

Bei der Suche kamen sie auch in Kontakt mit einer Solidarischen Landwirtschaft. Solidarische Landwirtschaft bedeutet, dass sich Menschen zusammenschließen und gemeinsam einen Hof finanzieren. Dafür erhalten sie die komplette Ernte. Die Risiken z.B. eines Ernteausfalls tragen alle gemeinsam.

Und da saßen Werner und ich an einem Freitagnachmittag auf dem Hof, und Werner fragte, ob wir das nicht auch schaffen könnten, nämlich eine Solidarische Landwirtschaft zu gründen. Puh, viel Arbeit, viel Verantwortung, aber eine riesengroße Chance! Ich bin schon viele Jahre im Naturschutz engagiert, das Insektensterben trieb mich um (und tut es noch!), und ich bin selbst auch fleißige Gärtnerin. Von daher passte das ja ganz gut, in dieser Form die Bio-Landwirtschaft von Heike und Werner fortzuführen. Und Interesse hatte ich, und zwar großes! Aber das war kein Projekt für einen allein, soviel Mut hätte ich nicht gehabt. Einige Wochen zuvor hatte ich Toni kennengelernt, wir hatten auf dem Hof beim Kartoffelkäfersammeln geholfen. Das auf Dauer etwas monotone Käfersammeln ließ sich durch ein nettes Gespräch besser ertragen. Toni, äußerst tatkräftig, war auch begeistert vom SoLaWi-Konzept. Ein Anruf bei Toni nach dem Gespräch mit Werner, und: Toni war dabei!

Toni: Ich, Toni, bin eigentlich von Haus aus Materialwissenschaftler und habe mit Landwirtschaft erstmal nicht viel zu tun. Beim Vorgängerprojekt, wo ich Sandra kennenlernte, habe ich aber bemerkt, wie sehr mir die Arbeit auf dem Feld Spaß macht und ein Ausgleich ist. Dieses einzigartige Biotop, welches auf dem Gelände, wo sich unser Acker befindet, über Jahrzehnte gewachsen war, galt es zu erhalten. Zudem hatte ich mich schon immer beim Supermarkteinkauf geärgert, meist die Wahl zwischen Pest und Cholera zu haben. Also: den 30-fach gespritzten Apfel aus der Region oder den „Bio“-Apfel aus Chile, der ökologisch unvernünftig hierher geschippert wird, und wo für mich nicht direkt überprüfbar ist, inwiefern die Anbaukriterien eingehalten werden. Für mich war also glasklar: Ich bin dabei!

Wir: Unsere Motivation war klar: Wir wollten nicht nur unser eigenes Gemüse. Wir wollten den Hof erhalten, der nicht nur Landwirtschaft war, sondern auch ein Biotop, das seltenen Vögeln, vielen Insekten und anderen Tieren einen Lebensraum bietet. Wir wollten eine nachhaltige, eine enkeltaugliche Landwirtschaft, ohne Pestizide, ohne Kunstdünger, wir wollten den Boden nicht ausbeuten, sondern fruchtbar erhalten. Wir wollten Menschen die Möglichkeit geben, sich lokal und saisonal zu ernähren. Das Gemüse sollte nicht plastikverpackt aus Spanien kommen, sondern eben auf dem Acker um die Ecke wachsen, wo jeder sehen kann, wie es wächst, mit anpacken, mitentscheiden kann. Wir wollten selbst was tun angesichts des Klimawandels und des Insektensterbens. Und hier war unsere Möglichkeit.

Und wie es der Zufall so wollte, hatten wir beide gerade (eigentlich unfreiwillig, aber zum Glück für unser Vorhaben) Zeit, Toni war gerade arbeitslos, Sandra in verlängerter Elternzeit.
Wir waren motiviert bis unter die Haarspitzen und wir legten los, auch wenn wir von vielen Dingen auch noch keine Ahnung hatten und uns erst einlesen mussten. Innerhalb kürzester Zeit hatten wir eine Facebook-Seite und die ersten Interessenten. Es gab einen tollen Artikel über uns in der Lokalzeitung („Selbst die Ernte einfahren“, erschienen im November 2017, die Journalistin wurde dann auch direkt Gründungsmitglied), der den Stein so richtig ins Rollen brachte. Weitere Verstärkung für unseren „harten Kern“ kam in Form von Madeleine, auch Journalistin.

Wir fingen an, eine Satzung zu schreiben (wir wollten die SoLaWi als Verein organisieren) und arbeiteten fleißig an unserer Homepage (unglaublich, aber www.aufdemacker.de war noch frei!). Und uns wurde klar, dass, wollten wir bereits im Jahr 2018 etwas ernten, wir uns beeilen mussten, da z.B. das Saat- und Pflanzgut schon im Januar bestellt werden musste. Ja, es wurde stressig und anstrengend, wir wissen nicht, wie viele hundert Mails wir in dieser Zeit schrieben und wie viele Abende wir am Computer verbrachten, aber es lief gut! Unsere erste Info-Veranstaltung war ganz ordentlich besucht, aber schon bei der zweiten gab es nicht genug Stühle für alle Interessierten!

Parallel waren wir auf der Suche nach einer Landwirtin/einem Landwirt. Wir schafften es irgendwie, am 17.12.2017 unseren Verein zu gründen (trotz der vielen Bürokratie)! 32 Gründungsmitglieder, und wir hatten es auch geschafft, rechtzeitig „unsere“ Landwirtin präsentieren zu können: Anne, aus der Pfalz, hatte ökologische Landwirtschaft studiert und war super motiviert, mit uns die SoLaWi aufzubauen. Jetzt waren wir nicht nur Verein, sondern auch Arbeitgeber. Und die Verantwortung für unsere Angestellte wollten wir nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Bereits im Januar gab es unsere Mitgliederversammlung mit Bieterrunde (bei der Solidarischen Landwirtschaft bietet jeder einen Beitrag für einen „Ernteanteil“ gemäß seiner Leistungsfähigkeit, in Summe muss der Finanzbedarf für den Hof inkl. Lohnkosten gedeckt sein), und nichts stand mehr unserem ersten Anbaujahr mit über 30 Ernteanteilen im Weg!
Wir fanden einen sehr kompetenten Kassierer, Peter, im wahren Leben Controller, der nebenher auch noch die Mitgliederverwaltung übernahm. Anne erstellte einen Anbauplan mit über 50 Gemüsesorten, von Tomaten über Blumenkohl, Spinat, Mairüben, Grünkohl und noch vielem mehr. Ende März erlaubte das Wetter die ersten Aussaaten. Und das Gemüse wuchs und gedieh, wenn auch beeinträchtigt durch die schlimme Trockenheit. Und schließlich gab es Anfang Mai das erste Gemüse für unsere Mitglieder!

„Nebenher“ (das klingt harmlos und trifft keine Aussage über die viele damit verbundene Arbeit) fand im Frühjahr unser „Krautfunding“-Projekt über startnext statt, dass wir erfolgreich mit über 3.000 Euro Einnahmen, hauptsächlich für einen Folientunnel, abschließen konnten.

Aber ja, mit dem Gemüse kamen auch viele Probleme: Kartoffelkäfer, Rehe, denen unser Gemüse gar zu gut schmeckte und die unseren Elektrozaun einfach ignorierten, Kaninchen, Erdflöhe, und die schlimme Trockenheit. Und dann fiel auch noch in der größten Hitze die Beregnungsanlage aus… Manchmal kann man verzweifeln – das taten wir aber nicht, wir konnten die vielen Herausforderungen durch gemeinsames Anpacken bewältigen! Wir sammelten Kartoffelkäfer (viele, viele Stunden schweißtreibende Arbeit), bauten einen Wildschutzzaun und und und. Es gab viele Aufrufe zu Arbeitseinsätzen, und viele kamen ganz oft zum Helfen. Ja, einige waren bestimmt auch etwas genervt…

Jetzt haben wir Herbst, das Erntejahr geht seinem Ende entgegen. Wir haben 600 kg Zucchini, 422 kg Kohlrabi, 235 kg Tomaten und vieles mehr geerntet und in verschiedensten Varianten verspeist bzw. haltbar gemacht. Wir haben Bohnen eingemacht und Apfelsaft gekeltert. Wir, insbesondere Anne, haben auf dem Acker geschuftet, aber wir haben auch gefeiert. Und wir haben für das neue Jahr ganz viel Zulauf, trotz einiger Kündigungen sind wir bei 60 Ernteanteilen, d.h. wir haben uns fast verdoppelt. Das Projekt kommt an, zieht Kreise und das Gemüse vom Acker ist einfach super! Der Nachwuchs eines unserer Mitglieder will sogar nur noch Gemüse vom Acker essen.

So darf es gerne weitergehen, wenn uns auch etwas weniger Arbeit guttun würde. Wir hoffen, dass unsere nächsten Jahre nicht ganz so hart werden – und es gerne auch öfter regnet!

Drückt uns mal die Daumen für unseren weiteren Weg – für eine enkeltaugliche Landwirtschaft!

 

 

Diese Geschichte wurde von Sandra Wolf eingereicht.