„Was könnte man noch tun?“, grübelte Mel, als sie das erste Mal auf einer Projektreise in Malawi unterwegs war. Was kann man tun, um die Lebensverhältnisse der Menschen in diesem kleinen, kulturell und landschaftlich reichen, aber ökonomisch sehr, sehr armen Land im Südosten Afrikas nachhaltig zu verbessern? Und was kann man tun, um die Malawierinnen und Malawier mit ihren Fähigkeiten und Ideen bei diesem Wandel miteinzubeziehen?

Ihr Wille, für und mit den Menschen in Malawi etwas zu bewegen, führte Mel zur Gründung von Khala. Khala ist ein faires Modelabel und wurde als Social Business konzipiert. Das Projekt führt Lösungen für verschiedene Missstände zusammen: Der Niedergang der malawischen Textilwirtschaft in den letzten Jahrzehnten hat eine Vielzahl arbeitsloser Schneider hervorgebracht. Einige sollen bei Khala eine neue, fair bezahlte und mit Sozialleistungen bezuschusste Anstellung bekommen. Durch die Verarbeitung von Textilien und Wertschöpfung vor Ort, soll Wirtschaft nach Malawi geholt werden, wo sonst eine eklatante Abhängigkeit von Spendengeldern vorherrscht. Mel hatte die Idee, dafür Chitenjes nutzen. Diese regional typischen, muster- und farbenprächtigen Stoffe hatten es ihr angetan. Sie wollte, dass diese Stoffe Eingang in modische Streetwear-Kreationen für den europäischen Markt finden und afrikanische Lebensfreude in die Kleiderschränke zaubern. Durch diese Aufteilung – Vertrieb in Deutschland und Produktion in Malawi – würde es gelingen, zu mehr globaler Gerechtigkeit beizutragen.

Soweit die Theorie.

Nach einer langen Vorbereitungsphase startete Mel mit Unterstützung zahlreicher Freundinnen und Freunde im Mai 2017 eine Crowdfunding-Kampagne, um die Theorie Wirklichkeit werden zu lassen. Aus dem Reigen all der hilfsbereiten Menschen, die zu dieser Zeit bereits durch Designen, Werbetreiben, Programmieren, Modeln, Entwerfen, Fotografieren, Filmen und viele weitere Freundschaftsdienste zu einem Teil des Projekts geworden waren, gelangte auch Bene zu Khala, der bald als Co-Founder in das Unternehmen einstieg. Das Crowdfunding wurde ein voller Erfolg. Mit dem gesammelten Kapital sollte es endlich losgehen.
Was folgte waren ein paar harte Lektionen in Unternehmensgründung. Wieder in Malawi, funktionierte zunächst nichts so, wie in der Planung vorgesehen. Die malawische Weberei, mit der Mel im Voraus die Produktion der benötigten Baumwollstoffe ausgehandelt hatte, stellte sich plötzlich quer. Die abgesprochenen Preise sollten nun erhöht und die Stoffe nicht mehr im gewünschten Baumwollqualität produziert werden. Es kostete Mel viel Zeit und Nerven, bis sie mit der Weberei ein Verhandlungsergebnis erreicht hatte, das mit dem bereits in erster Instanz erlangten identisch war. Was noch frustrierender war: Auch die malawische Inhaberin der Schneiderei, mit der die Realisierung des Projektes geplant war, stellte sich als wenig zuverlässig heraus. Auf dieser Basis wollte Mel keine Kooperation aufbauen. Während in Deutschland über 300 Crowdfunder*innen auf die textilen Rewards für ihre Unterstützung des Start-Ups warteten, wurde Khala in Malawi erst einmal wieder auf Eis gelegt und Mel flog zurück nach Deutschland.
Dieser missglückte erste Anlauf, hatte viel Geld gekostet. Doch Aufgeben war keine Option.

Ein paar Monate später, im Oktober 2017, flogen Mel und Bene gemeinsam nach Malawi, um mit nun deutlich weniger Kapital, aber mehr Erfahrung, einen zweiten Anlauf zu starten. Von ihrem letzten Aufenthalt kannte Mel noch einige Schneider. Auf Fahrrädern durchkämmten Mel und Bene die Vororte von Malawis Hauptstadt und machten die Schneider ausfindig. Über Connections trafen sie auf einen wohlhabenden alten Malawier, der ihnen einen großen, hellen Raum in seinem Haus vermietete. ­Dort richteten Mel und Bene in den folgenden Wochen eine eigene Schneiderei ein. In einer anderen Stadt kauften sie günstig ein paar gebrauchte Industrie-Nähmaschinen und aus Brettern ausrangierter Holzgestelle zimmerten sie Einrichtungsgegenstände. Wenig später nahm die kleine Manufaktur den Betrieb auf. Die ersten Jacken, Röcke und T-Shirts konnten endlich nach Deutschland geschickt werden. Während die Schnittmuster für diese Kleidungsstücke von Profis eines Münchner Design-Ateliers entworfen worden waren, lag es bald schon an Mel, das Repertoire zu erweitern: In Lilongwe, der Hauptstadt Malawis, in der auch die Khala-Schneiderei steht, fand in diesem Jahr das African Fashion Festival statt. Khala wurde dort mit einer Show auf dem Laufsteg erwartet. Mel hatte zwar keine Erfahrung in Modedesign, aber mit Kreativität und der Unterstützung ihres Schneider-Teams, entwarf sie neue Stücke, die verschiedene Chitenjes und upgecyclete Jeans-Stoffe vom Markt Lilongwes kombinierte. Das Publikum war begeistert.

Der nächste große Schritt bestand darin, eine vertrauenswürdige Person vor Ort zu finden, die die malawische Werkstatt zuverlässig managen würde, sobald Mel und Bene das Land wieder verlassen würden. Nach langer Suche wurde ein längerer Begleiter des Projekts dafür eingestellt. Der neue Manager war noch jung, aber fleißig und verständig für die vielseitigen Aufgaben des ambitionierten Unternehmens. Als Mel und Bene wieder zurück nach Deutschland reisten, um sich und Khala dort vorübergehend mit Nebenjobs über Wasser zu halten, arbeitete das malawische Team bereits eigenverantwortlich in der Schneiderei. Über WhatsApp und Facebook koordinierte man von Deutschland aus die Produktion und die Abläufe in Malawi. Das funktionierte erstaunlich gut. Die Rewards für die Crowdfunding-Unterstützer*innen konnten so bald ausgegeben werden. Dazu trudelte nun erste Bestellungen über den eigenen Online-Shop ein. Im Frühling 2018 begannen Mel und Bene auf Straßenfesten und Open Air-Veranstaltungen die in Malawi gefertigten Kleidungsstücke unters Volk zu bringen. Die Erlöse waren noch gering, aber sie genügten, um die laufenden Kosten in Malawi zu decken. Das kleine Unternehmen trug sich nun immerhin schon mal selbst. Team Malawi arbeitete einigermaßen zuverlässig, aber irgendetwas stimmte nicht. Der Manager war zwischenzeitlich immer wieder mal wochenlang nicht zu erreichen. Die Vorräte der Arbeitsmaterialien gingen schneller aus, als veranschlagt und malawische Bekannte, die die Werkstatt besuchten, zeichneten ein recht desolates Bild von der Stimmung im Team. Das belastete sehr. Also beschloss Mel im September 2018 erneut nach Malawi zu fliegen, um das Ruder wieder selbst in die Hand zu nehmen. Es stellte sich heraus, dass der eingestellte Manager die Schneiderei nebenher für eigene Geschäfte missbraucht hatte und sogar Khalas Steuergelder am malawischen Fiskus vorbei in seiner Tasche hatte verschwinden lassen. Nach dem langen gemeinsamen Weg, war das ein harter Schlag ins Gesicht. Mel warf den Gauner raus und managte die Werkstatt fortan selbst. Die Verhältnisse wurden wieder geordnet, das Team neu motiviert und strukturiert, neue Stücke in die Kollektion übernommen. In Deutschland übernahm Bene den Vertrieb nun alleine. So arbeitete man interkontinental und stimmte Nachfrage und Angebot aufeinander ab.

An dieser Stelle erreicht die Geschichte den Punkt, an dem Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschmelzen.

Nachdem die Produktion in Malawi endlich rund läuft, können nun Vertrieb und Marketing ausgebaut werden. Mel wird noch einige Monate in Malawi verbringen, dort ein solides Fundament für das Business schaffen, nachhaltige Strukturen etablieren und eine vertrauenswürdige Person für das Management der Schneiderei ausfindig machen. Derweil läuft das Online-Geschäft jetzt immer besser. Auf einem großen Münchner Weihnachtsmarkt bietet Khala seine Waren im Moment auch feil. Erste Ladengeschäfte fragen an, Khala-Stücke in ihr Sortiment aufzunehmen. In Malawi haben mittlerweile drei Schneider und eine Zuschneiderin feste, fair bezahlte Arbeitsplätze gefunden. Khala bezahlt ihnen darüber hinaus Essensgeld, den Schulbesuch für ihre Kinder sowie die Lohnsteuer. Mel und Bene halten sich noch immer mit anderen Jobs über Wasser. Die Arbeit für Khala nimmt mittlerweile aber soviel Zeit und Energie in Anspruch, ein nächstes Ziel darin besteht, sich bald selbst ein kleines Gehalt auszahlen zu können.

Wo unser Weg hinführt, ist noch nicht klar. Aber wir wollen den Impact in Malawi deutlich erweitern, mehr Arbeits- und künftig auch Ausbildungsplätze schaffen, mehr Frauen einstellen, unsere Produktionskette noch fairer und ökologisch verträglicher gestalten, die lokale Wertschöpfungskette ausbauen, Kulturen verbinden und Menschen glücklich machen.


 

 

Diese Geschichte wurde von Melanie Rödel eingereicht.