Ich bin im ländlichen Kenia geboren und aufgewachsen. Ich hatte das Privileg, eine gute Schulausbildung und ein Studium in Kenia abschließen zu dürfen. Dieses ermöglichte mir später in Deutschland, aktiv den Beruf als Lehrerin auszuüben.


Die traumatischen Erlebnisse der mangelhaften und unhygienischen sanitären Einrichtungen in Kenia, welche mich mein gesamtes Schulleben geplagt hatten, ließen mir keine Ruhe. Meine Erinnerungen und Träume waren so viele Jahre danach, mit den Gerüchen schmutziger Toiletten und dem widerlichen Gefühl von schmutzigen Füßen und Händen erfüllt. Wann immer es nur möglich war, vermied ich wie auch viele andere Kinder, vor allem Mädchen, in der Schule das Plumsklo aufzusuchen. Wir warteten bis zu der Mittagspause, um zu der sauberen Toilette Zuhause rennen zu können. Meistens verschmutzten wir unsere schönen blauen Schuluniformen und wurden deshalb von unseren Lehrern bestraft. Wir hatten doch kein Wasser, um es sauber zu halten! Den älteren Mädchen ging es während ihres Menstruationszyklus weitaus schlechter. Sie mussten irgendwelche Krankheiten vortäuschen, um sich von der Schule und dessen Toilettenbenutzung fernzuhalten.

Als ich im September 1998 zum ersten Mal den deutschen Boden am Frankfurter Flughafen betrat, war die Begegnung mit einem makellosen Bad in Deutschland für mich faszinierend. Auf eine saubere Toilette mit Toilettenpapier und fließendem Wasser zu gehen, sich dort die Hände mit Seife und warmem Wasser waschen zu können, war für mich in diesem Moment ein Luxus. Das was in Deutschland zum Alltag gehört, ist noch heute für die meisten kenianischen Kinder ein Traum, den sie in ihrem Leben wahrscheinlich nicht erleben werden. Ich war bereit hart zu arbeiten, um mein neues Leben in Deutschland zu genießen, doch meine Kindheitserinnerungen an die erlebten Toiletten quälten mich weiterhin. Schließlich kam der Entschluss, aktiv zu werden, um die miserablen Zustände in meiner Heimatstadt zu verändern und den Kindern vor Ort neue Perspektiven zu ermöglichen. Daraufhin habe ich „Hand of Progress e.V.“ gegründet, welcher sich auf die Verbesserung der Abwasserentsorgung, Wasserversorgung und Hygieneerklärung in den ländlichen Schulen Kenias konzentriert.

 

Die Vorbereitung

Als ich anfing, mich über Sanitärversorgung zu informieren, stellte ich schnell fest, dass Hygieneprobleme so bedeutsam waren, dass sie auf Platz sechs der siebzehn Ziele für nachhaltige Entwicklung der UN-Agenda stehen, die bis 2030 zu lösen sind. Die Schwierigkeiten mit der Abwasserentsorgung und Wasserverfügbarkeit stellen ein weit verbreitetes Menschenrechtsproblem dar, das Millionen von Menschen in verschiedenen Teilen der Welt betrifft, aber es gibt große Bemühungen, es zu lösen. Es wird ferner anerkannt, dass Frauen im ländlichen Raum (einschließlich Schulmädchen) das Recht auf gleichberechtigten Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen haben.

Im September 2016 habe ich mein Dorf aufgesucht um mit der Projektarbeit zu beginnen. Ich bildete ein Arbeitskomitee, in dem die Dorfbewohner, Kirchen, Alumni und alle im Dorf gelegenen Schulen vertreten sind. Die Idee, bessere Toiletten zu bauen, wurde von allen Mitgliedern begrüßt. Daher fingen wir mit den Bauplänen und der Suche nach passendem Standort an. Um den Bau zu beginnen, war eine Zusammenarbeit mit der Bezirksregierung, Bildung-und Gesundheitsministerium von Trans-Nzoia, Provinz Rift Valley, in der das Pilotprojekt angesiedelt ist, unabdingbar. Es war eine zeitaufwendige Aufgabe, die sehr viel Geduld und Durchhaltevermögen verlangte.

Um die Arbeit von Hand of Progress e.V. professionell zu gestalten, habe ich mein Wissen in der Thematik „Sanitär- und Wasserversorgung“ folgende Fortbildungen absolviert:

• Hygieneaufklärung und Wasserversorgung in Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe (German Toilet Organisation)
• Social Entrepreneurship (University of Oxford)
• Die Wiederaufbereitung von menschlichem Fäkalien zu Biogas Teil I und II (IBBK Stuttgart)
• Besuch bei diversen Vorträgen zum Thema: Nachhaltigkeitskonzepte in Afrika

 

Die Not

Die sanitären Bedingungen in meiner ehemaligen Grundschule Mukuyu waren entsetzlich. Die starken Regenfälle von Wetterphänomen El Niño in 2016 hatten die meisten Latrinengruben vor Ort zum Verfall gebracht, sodass die Toiletten unbrauchbar waren. Vierhundert Mädchen in der Schule teilten sich damals EINE Latrinen-Toilette. Es wurde eine sichere Fäkalienkloake dringend erforderlich, um eine zukünftige Kontamination des Grundwassers zu vermeiden und das Risiko für die Gesundheit von Kindern insbesondere in der Regenzeit von April bis September zu verringern.

Eine weitere Herausforderung war, dass für die 700 Schulkinder der Mukuyu Primary gar kein Wasser zum Trinken, zum Händewaschen und Reinigen der Toiletten zur Verfügung stand! Wie in den meisten ländlichen Schulen in Kenia gab es dort kein fließendes Wasser oder Brunnen in der Nähe. Es gibt auch keine Infrastruktur, um Regenwasser zu sammeln.

 

Implementierung

Im Januar 2017 wurde „Hand of Progress“e.V. gegründet, der sich als primäre Aufgabe machte finanzielle Mittel zu kumulieren, um menschen(kinder)würdige Toilettenanlagen zu bauen und die Wasserversorgung herzustellen. Um die Öffentlichkeit auf unsere wohltätige Arbeit aufmerksam zu machen und um Spenden zu sammeln, haben wir in Bielefeld, Kirchen, Firmen und Freunde mobilisiert, einen Artikel in der Lokalzeitung gedruckt, ein Interview in einem lokalen Fernsehsender gegeben und an einigen Spendenläufen teilgenommen. Dank der finanziellen Unterstützung konnten wir die erste Anlage im September 2018 in Kenia eröffnen.

Es wurde ein Toilettenhaus mit 22 Toiletten für Mädchen und Jungen einschließlich einer Toilette für Körperbehinderte errichtet. Zusätzlich wurde eine moderne Klärgrube gebaut, die mit den benachbarten Schulen in der nahen Zukunft geteilt wird. Mit den lokalen Arbeitskräften wurden zwei Wasserbrunnen manuell gegraben. Der erste Brunnen war nicht effizient genug, daher musste ein zweiter Brunnen gegraben werden. Für Hygienetraining, Wartungs- und Reinigungsarbeiten haben wir zwei Einheimische geschult.

 

Zukünftige Ziele

Um das Hygienetraining zu intensivieren und das Bewusstsein der Bevölkerung für die Bedeutung einer besseren Sanitärversorgung und Wasserverfügbarkeit zu erhöhen, wird in 2019 eine GesundheitsAG (Health club) für die Schule gegründet. Die AG fördert zusätzlich die Interaktion und den kulturellen Austausch zwischen deutschen und kenianischen Schülern und Helfern. Wir möchten das verfügbare Wasser, welches derzeit noch nicht behandelt wurde, als Trinkwasser für die Kinder zugänglich machen.

 

Fazit

Das Sanitärprojekt hat den Fokus ländlichen Schulen in Kenia zu helfen, in denen keine Abwassersysteme und Wasserinfrastruktur vorhanden sind. Um unser Ziel eines nachhaltigen Managements der Abwasserentsorgung und Wasserversorgung zu erreichen, setzt Hand of Progress e.V. sich für die Zusammenarbeit mit lokalen und internationalen Organisationen und Unterstützern ein, um die gewünschte Veränderungen in östlichem Teil des afrikanischen Kontinents herbeizuführen. Wir möchten das Rad in einem gut erforschten Bereich nicht neu erfinden, sondern aus den bestehenden Mechanismen und Instrumenten lernen, sowie Unterstützung gewinnen, um unser Ziel zu erreichen. Denn wir sind bestrebt nachhaltig, sichere Schultoiletten zu bauen, Trinkwasserbrunnen zu graben und die Kinder für ihre Zukunft positiv zu prägen.

 

 

Diese Geschichte wurde von Grace Karanja-Nurek eingereicht.