Heide Liebmann ist Potenzialdetektivin, Coach und Autorin. Seit 14 Jahren hilft sie ihren Kunden dabei, sich neu zu orientieren, ihre Vision aufzuspüren, unternehmerisches Potenzial zu entwickeln und neue Geschäftsfelder zu finden. Ihre langjährige Erfahrung hat sie im Dezember 2015 in ihr Buch „Die Magie der unternehmerischen Persönlichkeit“ einfließen lassen. Die Interviewreihe „Unternehmer*in sein“ in ihrem Blog bietet tiefgehende Einblicke in die Bereiche unternehmerisches Selbstbild, Erfolg und Scheitern. Wir haben Heide Liebmann zur unternehmerischen Persönlichkeit befragt.

 

Frau Liebmann, Sie helfen Menschen seit Langem, ihren eigenen beruflichen Weg zu finden und zu verwirklichen. Wie finden Sie heraus, ob ihr Gegenüber über unternehmerisches Potenzial verfügt, um sich selbstständig zu machen oder ein Start-up zu gründen?

Heide Liebmann: Die meisten Menschen, die mein Coaching in Anspruch nehmen, verfügen über unternehmerisches Potenzial. Das merke ich schon daran, dass sie zum einen erkennen, dass sie Unterstützung benötigen. Und dass sie zum anderen bereit sind, sich dies auch etwas kosten zu lassen.

Unternehmerinnen und Unternehmer haben verstanden, dass Weiterentwicklung zum Geschäft gehört, und häufig beschleunigt externe Beratung diese Entwicklungsprozesse. Sie investieren in sich und ihr Unternehmen, weil sie verstanden haben, dass sich das auszahlt.

Natürlich gibt es immer wieder Hürden, innere Blockaden oder auch schlicht fehlendes Know-how, aber das lässt sich alles bearbeiten und lernen. Insofern nehme ich immer erst einmal an, dass mein Gegenüber der Aufgabe gewachsen sein wird, wenn er oder sie bereit ist, sich seinen jeweiligen Themen zu stellen.

Müssen bei Gründerinnen und Gründern bestimmte Eigenschaften bereits in die Wiege gelegt sein oder lässt sich eine unternehmerische Persönlichkeit bei jedem Menschen entwickeln?

Ich bin überzeugt davon, dass es so etwas wie „geborene Unternehmer“ gibt. Also Menschen, die sich nicht ausbremsen lassen, kreative Ideen für neue Produkte haben, an ihre Visionen glauben und alles tun, um sie auch umzusetzen.

Das heißt aber nicht, dass andere das nicht könnten. Unternehmer*in sein ist ein Prozess. Ich behaupte gerne, dass es der heftigste Selbsterfahrungstrip ist, dem man sich stellen kann. Denn ohne die Fähigkeit, seine Defizite und Ängste zu erkennen und daran zu arbeiten, bleibt man nicht lange Unternehmer*in. Scheitern gehört in gewisser Weise dazu, und nur wer in der Lage ist, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen und es beim nächsten Mal besser zu machen, auch wenn das mitunter durchaus schmerzhaft sein kann, wird unternehmerisch Erfolg haben.

Eigenschaften, die sicher helfen, sind Struktur und Systematik – Themen, die sehr kreativen Menschen häufig erst mal fremd sind. Dann müssen sie entweder lernen, das auf ihre Weise zu integrieren – oder jemanden mit ins Boot holen, der das besser kann. Man muss ja nicht alles allein stemmen. Kreativität und die Fähigkeit zur Selbstmotivation sind sicher auch wichtig. Was man aus meiner Erfahrung heraus unbedingt können oder lernen muss, ist sich verkaufen zu können, also keine Angst davor zu haben, sich zu zeigen und ein gutes Marketingsystem aufzubauen. Kritikfähigkeit und gleichzeitig die Souveränität, seine eigenen Entscheidungen zu treffen und auch dazu zu stehen, gehören für mich ebenfalls zum unternehmerischen Mindset.

Gibt es Ihrer Erfahrung nach klassische Stolpersteine bei der Verwirklichung der eigenen Geschäftsidee?

Die einen unter-, die anderen überschätzen sich. Häufiger gibt es meiner Erfahrung nach den ersten Fall. Viele trauen sich zu wenig zu, denken nicht groß genug. Dahinter stecken oft Selbstwertthemen, und zum Glück kann man daran arbeiten.

Ein weiteres großes Thema, das gerade am Anfang nicht gesehen wird, ist die richtige Positionierung am Markt. Gründer sind oft völlig begeistert von ihrer Geschäftsidee, und vielleicht ist die ja tatsächlich großartig. Aber wodurch entscheidet man sich vom Wettbewerb? Was ist neu oder anders? Wer soll das eigentlich kaufen? Und wie erreicht man diese Leute? Das sind Fragen, die oft erst mal unter den Tisch fallen, und das rächt sich irgendwann bitter.

Und beim Stichwort Begeisterung fällt mir dann noch ein, dass Selbstausbeutung bei vielen Gründern ein großes Thema ist. Arbeiten rund um die Uhr über viele Wochen lang – das kann man mal machen, wenn man jung ist. Aber wenn es zum Dauerzustand wird, ist das ungesund. Viele machen sich nicht klar, dass ihre Gesundheit ihr größtes Kapital ist. Wenn sie ausfallen, hat das in vielen Fällen fatale Konsequenzen für das Business. Deshalb untersuche ich in meinen Coachings auch immer, wie es mit der Selbstfürsorge steht.