Hoffnung und Haltung durch die Kunstform „Rhythm And Poetry“ (RAP)

2018-12-14T15:08:41+00:007. Dezember 2018|Aktuelle Teilnehmer|

Wenn es nur eine Sache im Leben gibt, die ich für mich mit meinen 32 Jahren verstanden habe, dann ist es, dass tatsächlich jeder Mensch seine eigene Geschichte hat. Und keine dieser Milliarden Geschichten auf Erden werden je miteinander identisch sein. Dies zu begreifen und zu verstehen ist natürlich das Eine, und somit auch das Einfache, aber etwas Anderes ist, dessen Kraft dahinter zu sehen und diese Kraft zu verpacken. Wie bringt man also dazu, Milliarden Menschen, eine einzige Sprache zu sprechen, ob nun mit Worten, mit Klängen, mit Performances oder Visuellem.

Die Antwort für meine Geschichte lautet: „Wenn man ihnen Raum und Hoffnung für ihre Kreativität gibt.“ Und das kann ich aus eigener Erfahrung unterschreiben.

Diesen Raum habe ich versucht, durch einen gemeinnützigen Verein namens „Rap for Refugees e. V.“ zu schaffen. Ein Verein, was nicht den Menschen hilft, sondern den Menschen den Raum und die Werkzeuge an die Hand gibt, sich selbst zu helfen, indem sie Ventile durch ihre Geschichten schaffen.

Ich möchte erst einmal ein wenig über das aktuelle Projekt schreiben, ehe ich mich euch mit meiner Geschichte öffne, da ich denke, dass dann somit einiges plausibler erscheinen wird.

Ich wurde am Anfang oft gefragt, ob wir denn nicht das Wort „Refugees“ ändern wollen, damit wir keine Leute ausschließen, bzw. Menschen bevorzugen. Und ich muss zugeben, dass ich dankbar bin, dass Menschen diese Frage gestellt haben. Denn erst dadurch habe ich erkannt, was eigentlich unsere Aufgabe ist. „Ein eigenes Verständnis von dem Wort Refugees, fernab der Stigmatisierungen durch den Duden und der Gesellschaft.“ Im Kern bedeutet dieses Wort „Geflüchteter“, laut Duden muss diese Person aus einem anderen Land geflohen sein. In unserer Definition brechen wir das Wort herunter und sagen „Wir sind alle potentielle Geflüchtete. Die Einen fliehen aus Krisengebieten, was natürlich oftmals auch nicht gleichzusetzen ist mit den Problemen anderer, die Anderen aus prekären Lebenssituationen, weitere aus Emotionen bzw. Ängsten, usw….und jeder Mensch wird dieses Gefühl kennen, dass man vor etwas flieht. Und sei es etwas ganz banales, was einen in der Kindheit geprägt hat.“. Diese unterschiedlichen Fluchtwege, mal etwas dramatischer, mal weniger, aber dennoch alles eine Geschichte einer Person, die sie durchgemacht hat, für die diese Person oftmals nicht einmal was persönlich kann, zeigen auf, dass wir letztlich alle nicht weit voneinander entfernt sind. Und dieser banale Aspekt vereint uns wieder als Menschen.

Doch wer hört diesen Geschichten durch die Kunstform Rap zu? Man mag es nicht glauben, aber in naher Zukunft wohl knapp 2 Milliarden Menschen. Die Anzahl an Kindern und Fast-Jugendlichen, die es auf der Welt gibt. Statistisch gesehen fasziniert kein anderes Genre auf der Welt mehr Jugendliche als der „Rap“. Eine Subkultur von einer großen Kultur namens „Hip Hop“. Diese Jungen Menschen brauchen Hoffnung. Hoffnung auf ein besseres Leben, Hoffnung darauf, dass man den Alltag mit dem ganzen Druck und Sorgen vergisst, Hoffnung, dass einem zugehört wird…und da docken wir mit „Rap for Refugees“ an. Wir bieten allen jungen Menschen die Möglichkeit, die sich Workshops oder Kurse nicht leisten können, Werkzeuge des Hip Hop zu erlernen. Aber noch viel mehr bieten wir ihnen die große Bühne, um ihnen Gehör zu verschaffen. Das beste Beispiel ist wohl das Rap for Refugees Festival in Hamburg, welches am 17.02.2018 stattgefunden hat, und auch jedes Jahr stattfinden wird. Im voraus hatten ca. 80 Jugendliche in Graffiti, Rap und Beatbox Kursen diverse Möglichkeiten des Ausdrucks erlernt. Was dann mit dem Festival kam, war auch für uns etwas unfassbares. Es war mit über 1050 Gästen ausverkauft. (Markthalle Hamburg) Dankesnachrichten nach dem Event von Jugendlichen, die auf der Bühne standen, können dieses Gefühl, was an diesem Tag in ihnen ausgelöst hat, nicht wiederspiegeln. Es war unglaublich…und es war nachhaltig. (Videos sind auch auf unserer Website, oder auf YouTube einzusehen!)

Der Erfolg drang vor bis zur Zentrale der UN-Flüchtlingshilfe in London, die uns kontaktiert und mit unserem Videomaterial ein eigenes Video zusammengeschnitten haben. Dieses ging dann durch die Kanäle von der UNHCR um die Welt.

Ein Mensch braucht die Hoffnung um zu gedeihen, und ein hoffnungsvoller Mensch wird auch Haltung in vielen Situationen des Lebens zeigen.

Was mich motivierte?! Vielleicht mein eigenes Leben. In Istanbul am 6.1.1987 geboren, im Juli 1993 mit Stiefvater und Mutter nach Düsseldorf gezogen, eine tolle Kindheit mit dem klassischen Blödsinn gehabt, und mit 14 im Fußball angekommen. Ich war damals schon recht pummelig, dennoch habe ich es gemocht mit verschiedenen Menschen in einer Mannschaft zu sein. Ich habe ebenfalls als 14 jähriger schon parallel angefangen gehabt Trainer für 12 Jährige zu sein. In nur 3-4 Jahren habe ich es sogar als Torwart selbst in die U19 Bundesliga geschafft, was aus physischen Gründen fast schon der Unmöglichkeit gleicht. Spiele wie gegen den BVB und Marcel Schmelzer, kann ich mir noch auf die Stirn schreiben, aber mehr als eine Erfahrung war es nicht, und mehr Ehrgeiz als bis dahin hatte ich auch nicht. Manchmal muss man sich eingestehen, dass man für gewisse Dinge nicht geeignet ist. Dafür tat ich dann als Trainer für Jugendliche umso mehr. Praktika bei Ajax, dem 1. FC Köln, Galatasaray oder Fenerbahce Istanbul, waren allesamt schöne Stationen. So blieb mir das Jugendtrainerdasein auch bis heute als das Einzige im Leben treu. Oder vielleicht ich dem Fußball, weil es vieles birgt, was mich zufrieden macht. Parallelen sind hier zwischen Fußball und Hip Hop übrigens auch gut erkennbar. Hoffnung, Haltung, Gemeinschaft, Disziplin…man könnte die Liste lange fortführen.

Ich zog mit 20 nach Leverkusen, von dort mit 22 nach Heidelberg, mit 26 nach Hamburg, mit 27 nach Duisburg, mit 29 nach Dortmund, und mit 30 wieder nach Hamburg. Interessanterweise immer geleitet durch ein Bauchgefühl, um interessante neue Fußballprojekte mit Jugendlichen zu entdecken.

In der Zeit in Heidelberg hatte ich schon mit der Organisation von Jam-Sessions angefangen, die zwei Jahre lang stetig wuchsen und zu großen Erfolgen wurden. Ebenso gab es einige Konzerte mit Bands aus dem Ausland, die ich, nur weil ich sie gerne hörte, nach Deutschland brachte, auch wenn ich nichts davon verdiente. Auch diese waren nicht sehr schlecht besucht. Die Leidenschaft zu organisieren und die Menschen in den Hallen und Veranstaltungen glücklich zu sehen, war der große Antrieb.

Ich muss zugeben, dass ich stets die Verantwortung für meine Lebensumstände selber übernahm und nicht die Person war, die Ausreden gefunden hat. Das belegen meine zwei Studiengänge (Soziale Arbeit und Sport und angewandte Trainingslehre), und vier Ausbildungen (Veranstaltungskaufmann, Marketingskaufmann, Fachkraft für Dialogmarketing bei einer Bank, Sport- und Fitnesskaufmann), die ich allesamt nach kurzer Zeit abgebrochen habe, weil mir die Praxis fehlte, oder die Berufe zu begrenzt waren. Auch war ich mir nie zu schade die 20 Jobs, die ich hatte nach einigen Monaten zu wechseln, sofern mein Gefühl von Zufriedenheit nicht befriedigt wurde. Und so kam eins auf dem anderen, und ich landete zwischenzeitlich in Duisburg. Eine wohlgemerkt interessante Stadt, mit wenig Kultur aber etwas Charme. Neben meiner Stelle im Fußball wusste ich die Zeit wohl nicht anders zu verbringen, als einen kleinen Club namens „Musterzimmer“ zu eröffnen. „NUR ZUM SPAß!“. Es gab tolle Abende, viele neue tolle Freunde, und auch viele leere Abende und weniger nette Freunde. Nach 8 Monaten fing es doch an einigermaßen zu laufen, ehe ich im 10 Monat, am Freitag 05.02.2016, erfahren habe, dass ich einen bösartigen Tumor in der Schilddrüse habe. Bzw., es wurde während der OP entdeckt und direkt, einschließlich der Schilddrüse, entfernt. Ich bin kein Mensch von Trauer und kann zum Glück alles mit Optimismus und Hoffnung schönreden. So war auch dies kein sonderlich schlimmer Fall, aber definitiv einer, der mich dazu brachte das Glück im Unglück zu erkennen und das Musterzimmer trotz laufender Langzeitverträge zu schließen. Interessante Zeitungsartikel sind noch heute auf google unter Musterzimmer zu finden :).

Nach einem kurzen Intermezzo in Dortmund, landete ich nun in Hamburg, habe nun auch knapp 70.000 € Schulden von der Zeit in Duisburg auf mir „lasten“, und die Insolvenz liegt nah vor mir.

Und dennoch, das ist das, worauf ich hinaus wollte. Es war immer die beste Entscheidung hoffnungsvoll alles abzubrechen,und meinen Weg so zu gehen, wie ich ihn gehen wollte, in Hamburg zu landen, mich dem zu öffnen, was vor mir lag, dem Fußball treu zu bleiben, und dadurch auch unglaublich tolle Menschen kennenzulernen, durch die dieses Projekt auch erst möglich wurde.

Wie am Anfang gesagt, es ist eine Geschichte von Milliarden auf Erden, aber wenn man dem ein Gehör schenkt kann sie tatsächlich aufblühen und zu etwas Standfestem werden. So versuche ich stets meinen Jungs beim Fußball Gehör zu geben, meinem RfR Team zuzuhören, den vielen lieben Menschen um mich herum keine Last zu sein, und mitzufühlen, was ihre Geschichten angeht.

Danke, dass ihr meine bis hierhin gelesen habt.

„Es ist einfacher starke Kinder zu erziehen, als gebrochene Menschen zu reparieren.“
Frederick Douglass

 

 

Diese Geschichte wurde von Ata Anat eingereicht.