Ohne Kommunikation gibt es keine Bildung. Das merkt man erst, wenn die Kommunikation gestört oder ganz unmöglich ist. Diese Erfahrung müssen gehörlose Studentinnen und Studenten, von denen es immer mehr gibt, jeden Tag machen. Zwar gibt es im 21. Jahrhundert eine Fülle von technischen Kommunikationsmöglichkeiten; aber gleichzeitig wird die Kommunikation immer hektischer und es bleibt kaum Zeit für ein richtiges Gespräch.

Auf diese Situation versuche ich mit meiner Entwicklung zu reagieren, der ich vorerst einmal den Namen „Störer“ gegeben habe. 

Als 27-jähriger hochgradig schwerhöriger Industriedesigner habe ich mir vorgenommen, mich mit diesem gesellschaftlichen Problem auseinander zu setzen. Ich heiße Nils und habe ungefähr vor einem Jahr meine Masterarbeit an der Technischen Universität München am Lehrstuhl Industrial Design abgeschlossen. Bei der Masterarbeit habe ich ein Gerät entwickelt, das auf bestimmte Kommunikationsschwierigkeiten reagiert, indem es analog unsere Sprechgeschwindigkeit und Sprechlautstärke berechnet. Es sendet ein lautes Feedback aus, wenn einer der Gesprächsteilnehmer zu hektisch oder zu laut spricht oder wenn sie sich gegenseitig beim Gespräch unterbrechen. Auf diese Weise erlaubt es den Menschen, wieder miteinander auf Augenhöhe zu kommunizieren.

Das Ergebnis meiner Masterarbeit ist durch aufwendige Forschungsarbeiten und Befragungen entstanden. Anfangs habe ich zahllose wissenschaftliche Bücher über Kommunikation und Gehörlosenkultur gelesen, bevor ich mit den Interviews und Workshops in verschiedene Universitäten angefangen habe. Dabei habe ich typische Designverfahren angewendet, um das Offensichtliche zu vermeiden. Damit ist gemeint, dass keine eindeutigen Lösungen gefunden werden sollen, die nur eine Verbesserung der vorigen Lösung darstellen. Deswegen habe ich mehrmals einen neuen Standpunkt durch Recherchen und Auswertungen eingenommen, um ständig neue Perspektiven zu erzielen.

Bei den Auswertungen habe ich gelernt, dass beide Gruppen, die Hörenden wie die Hörgeschädigten, Verbundenheit und Sicherheit brauchen, damit sie miteinander besser kommunizieren können.

Deswegen habe ich versucht das genaue Gegenteil von dem zu entwickeln, was man normalerweise tun würde: Nämlich nicht die Störung einfach beseitigen; denn dann entstehen neue Probleme, mit denen meistens der Gehörlose belastet wird. Ich habe mir gedacht, dass man die Störung verstärken muss, damit die Probleme nicht beim Gehörlosen hängenbleiben, sondern auch die anderen, die Hörenden, Probleme bekommen.

Der erste Prototyp ist mit einfachen Bauelementen bestückt. Ich habe einen Geräuschsensor und einen Lautsprecher genommen und die an den Mikroprozessor angeschlossen. Dazu musste ich auch eine Programmiersprache verwenden. Damit hatte ich am Anfang große Schwierigkeiten, da ich die Programmiersprache nicht ausreichend beherrschte, um das Vorhaben realisieren zu können. Deswegen habe ich einige Programmierer um Hilfe gebeten und sie brachten mir auch gleich die Sprache dabei, damit ich dann alleine weiterarbeiten konnte.

Anfangs war das Gerät für den Einsatz bei der Kommunikation in Gruppen konzipiert, an denen gehörlose Menschen und Hörende teilnehmen. Doch es hat sich ergeben, dass es noch vielfältige andere Einsatzmöglichkeiten für das Gerät gibt und wie wichtig es für die Menschen sein kann. Das heißt, dass das Gerät auch in anderen Situationen verwendet werden kann, unter anderem für Sprachtherapie, Präsentationstraining, Aufrechterhaltung der Stille und Konzentration – zum Beispiel in Bibliotheken, Schulen und bei Gruppenarbeiten – überall wo Kommunikation störanfällig ist.

Insgesamt ging es mir darum, nicht nur ein technisches Objekt zu entwerfen, sondern ein Erlebnis. Die Idee ist, dass ich Kommunikationsprobleme behebe, indem ich die Störungen nicht reduziere, sondern sie verstärke.

Auch nach meiner Masterarbeit habe ich nicht aufgehört, an dem Gerät weiter zu arbeiten. Bisher habe ich die Verbindungen stabiler gemacht und die Programmierung verfeinert, damit das Gerät auf bestimmte Kommunikationssituationen noch besser reagieren kann. Einen Prototypen habe ich bereits einer Hochschule für Testzwecke zur Verfügung gestellt. Das Gerät hat sogar eine Universal Design Auszeichnung während der Munich Creative Business Week im Oskar-von-Miller-Forum bekommen. Der nächste Schritt wird sein, mehrere Prototypen zu bauen, die ich dann bei mehreren Personen testen kann, bevor es endgültig für alle erhältlich ist. Über weitere Unterstützung würde ich mich sehr freuen, damit der Kommunikationsstörer einen Platz in der Gesellschaft findet und die Menschen durch das Stören zusammengebracht werden können.

Am Ende wird sich zeigen, dass das Gespräch von Angesicht zu Angesicht einen stärkeren Eindruck hinterlässt als die Kommunikation über soziale Medien oder technische Geräte. Dafür müssen die Menschen aber wieder daran erinnert werden, wie Kommunikation funktioniert.

Weitere Informationen zum Störer findet ihr unter www.designernils.com/project/stoerer

 

Das Video zum Text

 

 

 

Diese Geschichte wurde von Nils Enders-Brenner eingereicht.