tl;dr
Ich beendete die Schule mit dem Ziel, mal in einem Museum oder Archiv zu arbeiten. Über etwas mehr Lebenserfahrung und andere Ereignisse bin ich inzwischen Digital Marketing Managerin in einem Carsharing-Unternehmen, die neben dem Vollzeit-Beruf und einer Familie mit zwei Kindern Wirtschaftsinformatik studiert, um die Digitale Transformation zu verstehen und selbst gestalten zu können. Niemals stehenbleiben, immer weitergehen – das ist mein Weg.

Samstag, 19.18 Uhr. Die Kinder sind gerade im Bett und mit Glück bleiben sie da auch. Jetzt wäre ein Zeitfenster, um an meinem Studium weiter zu arbeiten. Aber da ich gerade meinem Plan hinterher hinke, kann ich euch auch erzählen, wie ich an diesen Punkt gekommen bin.

Ich bin in einer mitteldeutschen Kleinstadt aufgewachsen. Als Arbeiterkind, ziemlich ehrgeizig, aber vor allem mit einem großen Drang die Welt zu sehen. Dem Wunsch nach Entdeckung stand lange meine große Schüchternheit im Weg. Ich war das stille Mäuschen in der Ecke, dass die Welt durch Bücher entdeckte, aber nie selbst auf Reisen ging. Um mich selbst aus meinem (von mir selbst geschaffenem) Gefängnis zu befreien, bin ich nach dem Abitur ganz mutig (für meine Verhältnisse) zum Studium nach Bremen gezogen – 300 km von meiner Familie entfernt, ohne die Möglichkeit, jedes Wochenende nach Hause fahren zu können. Das war die erste aus einer Reihe guter Entscheidungen, die mich heute an diesen Schreibtisch gebracht haben.

Ich lernte sehr schnell neue Menschen kennen, arbeitete in verschiedenen Jobs, in denen ich mich mit anderen Menschen beschäftigten musste und erkannte schließlich, dass mir die Kommunikation mit Menschen tatsächlich liegt und Spaß macht. Spätestens nach meinem Pflichtpraktikum für mein Geschichtsstudium war mir klar, dass es doch nichts wird mit der Karriere im stillen Kämmerlein eines Museums oder Archivs – das war mir inzwischen zu ruhig geworden. Ich weiß natürlich, dass Museumsarbeit heutzutage auch anders aussehen kann, aber damals (2002) war für mich an dieser Stelle eine Grenze erreicht.

Doch wie weitermachen? Ich bin ziemlich ehrgeizig und wenn ich einmal eine Sache begonnen habe, führe ich sie auch zu Ende. Ich habe also mitnichten mein Studium abgebrochen, um etwas Neues anzufangen. Aber ich habe die Schwerpunkte in meinem weiteren Studium so gewählt, dass ich mich mehr auf eine Zukunft in Richtung „irgendwas mit Medien“ vorbereitet habe.

Den Weg nach meinem Studium könnte man fast als „klassisch“ bezeichnen. Na ja, fast. Direkt nach der letzten Prüfung bin ich mit einem Round-the-World-Ticket einmal um die Welt gereist und habe den letzten Rest Schüchternheit abgelegt. Zu Beginn meiner Reise traf ich Hanna aus Berlin, die mir riet: „Iss‘ niemals allein.“ Das war der beste Rat überhaupt, den ich in Bezug auf die Weltreise erhalten hatte. Ein einfaches „Darf ich mich zu euch setzen?“ ist ein sehr guter Schlüssel, um Gespräche anzufangen und neue Freundschaften zu knüpfen.

Nach der Reise folgten Berufseinstiegspraktika und Volontariat in einer PR-Agentur und ja, auch zwischenzeitliche Arbeitslosigkeit als Akademikerin mit geisteswissenschaftlichem Abschluss. Bei der Arbeitsagentur wurde ich als „Historikerin“ geführt, wogegen ich heftig protestierte. Zum einen ist der Arbeitsbereich von Historikerinnen nicht klar definiert. Zum anderen hatte ich nach meinem Verständnis dieser Bezeichnung nie als Historikerin gearbeitet.

(19.42-19.48 Uhr: Beide Kinder waren wegen verschiedenster Bedürfnisse noch einmal aus den Betten gekommen. Ich habe das „Schlaflied für Anne“ gesungen und bin gespannt, ob es das für heute war.)

Nun denn, Jobwechsel und Arbeitslosigkeiten konnte ich ganz gut zur Neuorientierung und Weiterbildung nutzen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich in solchen Zeiten ziemliches Glück hatte (mit meiner Fallmanagerin und auch den Umständen an sich), dass ich nie in einen echten Stillstand reingeriet – irgendwie ging es immer weiter. Ein Ende war nie erreicht.

Und so kam ich schließlich an meinen Traumjob: Tourismusmarketing. Der Welt erzählen, wie toll Bremen ist. Mit Facebook, Blog und YouTube neue Kommunikationskanäle (damals) ausprobieren und das Internet als Spielwiese haben.

Aber diesen Text hier würde es nicht geben (bzw. ist er an dieser Stelle noch im Werden), wenn es das schon gewesen wäre. Auch vom vermeintlichen Traumjob kann es noch weiter gehen.

Ein paar Zwischenereignisse in Kurzform: Mann kennengelernt, mit Mann zusammengezogen, nach vier Jahren geht Mann zum Arbeiten nach Rostock, Heirat, Kind1, mit halbem Bein in Rostock, dramatisches Ereignis in der Familie, Rückkehr nach Bremen (Mann immer noch in Rostock), Hauskauf (in Bremen), Kind2, das schlimme Jahr mit beiden Kindern allein in Bremen und Mann in Rostock, neuer Job für den Mann in Bremen (Juhu!), Wiedereinstieg in meinen Job. Pause.

Da saß ich nun, Teilzeit in Elternzeit. Eigentlich ganz bequem, 20 Stunden in der Woche arbeiten. Mit ausreichend Puffer zwischen Kinderbetreuung und Job. Und dass wir jetzt wieder als Familie an einem Ort vereint waren, hatte mein Leben um einiges entspannter gemacht. Vielleicht ein wenig zu entspannt, denn nun fühlte ich mich nicht mehr ausgelastet.

In einer Glückwunschkarte zur Geburt des ersten Kindes stand sinngemäß: „Nun ist die Zeit, sich selbst zurückzunehmen, und für die Familie zu leben.“ Ich fand diesen Satz damals, und finde ihn auch heute noch, ziemlich daneben. Nur weil ich Kinder habe, höre ich doch nicht auf, als ich selbst zu existieren, mit meinen Wünschen und Zielen. Ich war immer sehr ehrgeizig und bin es auch heute noch. Und bis heute bin ich nicht bereit, mein berufliches Weiterkommen den Kindern unterzuordnen. Oder anders ausgedrückt: Ich denke, ich kann meinen Kindern eine zufriedenere und damit bessere Mutter sein, wenn ich mich auch im Beruf geschätzt fühle und mich insgesamt weiterentwickele.

In dieser Phase der Entspannung jedenfalls konnte ich über meine weitere berufliche Entwicklung nachdenken. Ich habe noch 30 Arbeitsjahre vor mir. Gibt es den Job, den ich heute mache, überhaupt noch in 30 Jahren? Was wird für die Zukunft gebraucht? Was möchte ich machen? Digitale Transformation, Industrie 4.0 schweben als Buzzwords durch die Medien. Doch was heißt das eigentlich und was bedeutet es für mich?

Ziemlich schnell bin ich darauf gekommen, dass ich Programmieren lernen möchte. Nicht unbedingt, um es beruflich zu machen, sondern um es zu verstehen. Beruflich sehe ich mich für die Zukunft eher in einer Position der Schnittstelle zwischen Entwicklerinnen und Anwenderinnen oder auch als Beraterin für IT-bezogene Änderungsprozesse in Unternehmen. Denn das hatte ich aus meinen bisherigen Erfahrungen mitgenommen: Ich bin ziemlich gut in der Vermittlung zwischen verschiedenen Interessengruppen.

Nun müsste ich für solch eine berufliche Zielsetzung vielleicht nicht unbedingt studieren. Da ich aber persönlich immer etwas Anschubhilfe durch Deadlines oder auch Studienordnungen schätze und sonst aus einem Umfeld komme, in dem Abschlüsse noch positiv bewertet werden, habe ich schließlich den Weg des Studiums der Wirtschaftsinformatik (im Fernstudium) eingeschlagen. Das Studium ist auf drei Jahre angelegt, aber ich gebe mich da keiner Illusion hin: Es werden wohl eher fünf Jahre bei mir werden, zumindest habe ich meinen Jahresplan inzwischen darauf ausgerichtet.

Der Entscheidung zum Studium voran ging natürlich das Abklären der Unterstützung meiner Familie. Das Lernen, besonders vor Prüfungen, benötigt Zeit und Ruhe, die mir meine Familie auch bestmöglich verschafft. Was allerdings zu Studienbeginn nicht absehbar war, war der plötzliche Jobwechsel aus dem Tourismus in ein Carsharing-Unternehmen. Diese Stelle ist mir quasi vor die Füße gefallen. Aber bei der Aussicht auf mehr Verantwortung, mehr Gehalt (ja, klar), aber auch mehr Impact (Verkehrswende!) konnte ich nicht Nein sagen.

Und so sitze ich jetzt hier und schreibe diesen Text. Heute sollte laut Plan meine Prüfung für die Java-Einführung sein. Bei dauernden Erkältungen und etwas zu viel Hauptjob bin ich aber nicht dazu gekommen, prüfungsreif zu werden. Meinen Plan habe ich jetzt so angepasst, dass ich die Java-Prüfung im Januar nachhole und dann trotzdem bis zum Sommerurlaub 2019 die anvisierten Module abschließen kann. Ich bin zuversichtlich, dass ich den Plan einhalte.

Mein Hausarzt fragte zuletzt einmal beim Checkup wie ich das mit dem Vollzeit-Job und den zwei Kindern (er weiß nichts vom Fernstudium) denn schaffen würde. Meine Antwort: Gutes Zeitmanagement und die Hilfe der Oma. Ich weiß, dass ich verdammtes Glück habe, Unterstützung zu haben und überhaupt noch ein zweites Studium machen zu können.

In der Entscheidungsphase zum jüngsten Jobwechsel posteten die Digital Media Women auf Facebook den Sinnspruch: „Ich verliere nicht! Entweder ich gewinne, oder ich lerne.“ Diese Aussage kam für mich zur rechten Zeit und auch heute krame ich sie gerne noch einmal hervor.

Ein Jobwechsel ist immer mit Risiken verbunden, nicht zuletzt mit dem Risiko der Arbeitslosigkeit. Und das Management von Familie, Beruf und Fernstudium ist nicht immer einfach und insgesamt sehr kräftezehrend. Aber am Ende ist es wie in dem Spruch der DMW: Ich lerne. Jeden Tag. Etwas fürs Studium, etwas fürs Leben, etwas für mich. In einer sich ändernden Gesellschaft fordert die Politik lebenslanges Lernen von jedem Einzelnen. Ich mache das hier aber nicht für die Politik. Ich mache das für mich und viel wichtiger: Ich mache das. Punkt. Denn Nichtstun, Stillstand, ist für mich keine Option. Mein Weg geht immer weiter.

(21.23 Uhr. Ich erkläre den Text für beendet. Die Kinder sind noch ein halbes Dutzend Mal heraus gekommen. Aber der Mann hat sich gekümmert. Danke.)

 

 

Diese Geschichte wurde von Carolin Hinz-Sowade eingereicht.