Mit 600 kg zum Erfolg

2018-12-10T18:20:02+00:0010. Dezember 2018|Aktuelle Teilnehmer|

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Augenhöhe, wir verlieren an Augenhöhe!

Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf. 600 Einwohner. Da war richtig was los! Nämlich so viel, dass ich auf einem Esel das Reiten lernte, da das nächste Pony in unerreichbarer Nähe untergebracht war.

Mit 7 hatten meine Eltern Mitleid und schenkten mir ein Pony – Mickey. Der kleine Kerl lernte mir Durchsetzungsfähigkeit, indem er mich zuverlässig jeden Tag in den Dreck schmiss – bis ich endlich den Dreh raus und Mickey auf meiner Seite hatte. Dann waren wir unschlagbar. Als ich ihn problemlos mit meinen Fersen bremsen konnte (er war nur 1,10 Meter groß) kam Figaro, mein erstes Großpferd, in mein Leben. Figaro begleitete mich durch alle Höhen und Tiefen in meinem jugendlichen Alltag. Innerhalb kürzester Zeit wurde er mein bester Freund und Mentor. Er lernte mir Sensibilität, Authentizität und Klarheit, zeigte mir liebevoll meine Schwächen und half mir, meine Stärken auszubauen. So lebten wir friedlich miteinander. Morgens Schule, nachmittags Stall und abends arbeiten in der Kneipe – die schmiss ich mit meiner Mutter sogar eine Zeit lang (fast) alleine, weil mein Vater nach einem schweren Unfall über ein Jahr lang nicht richtig laufen konnte.

Nach dem Abitur war mir aber schnell klar: ich muss jetzt die Welt erobern. Dringend. Also zog ich umgehend nach Stuttgart. Dass dieser Ort in Kombination mit einem Studium der „Sozialen Dienste in der Justiz“ nicht der Richtige für ein 18-jähriges, großes, schlankes, blondes Mädel vom Dorf war, merke ich nach meinem 2. Praxissemester im Knast. Ich fühlte mich sowas von auf der falschen Seite, dass mein Fluchtinstinkt sofort einsetzte und mich nach Chemnitz trieb. Vorbei die Welteroberung. Pädagogik und Psychologie sollten es nun sein. Um das zu finanzieren jobbte ich auf einem Reiterhof, gab mobile Reitstunden, arbeitete ehrenamtlich im Kinderhospiz und machte eine Ausbildung zur Reittherapeutin. Die ermöglichte es mir dann, die Reittherapie der Psychiatrie Chemnitz zu leiten. Noch bevor ich mein Studium abgeschlossen hatte. Die Glitzerblase in der ich dort lebte war wunderbar. 12 Therapiepferde, mit denen ich den Patienten der Psychiatrie tagtäglich beim Bewältigen ihrer Themen half. 50 ha Land und Pferdestallromantik.

Der Liebe halber zog ich zwei Jahre später nach Nordsachsen. Dort leitete mein damaliger Partner einen Ausbildungs- und Korreturstall von Turnierpferden. Schmerzlich wurde mir bewusst, dass in der „modernen“ Sport- und Freizeitreiterei Respekt und Nähe zum Tier völlig verloren gegangen waren. Der Glanz in den Augen der Tiere erlosch, die Besitzer wurden immer verbissener und letztlich ging es nicht mehr darum, dass zwei Lebewesen sich aufeinander einlassen, voneinander profitieren und miteinander sein können – sondern um Kampf, Unterdrückung und Macht. Zurück auf dem Boden der Tatsachen beschloss ich, dass das nicht mein Weg sein darf und brach meine Zelte ab. Ich begann eine Ausbildung zur Psychotherapeutin KJP, ging zurück in meine Heimat und gründete parallel zu meinem klinischen Jahr „Animal A.C.T. – Aktives Coaching und Therapie“. Neben pferdegestützten Unternehmensseminaren, zu Führung, Teambuilding und Kommunikation in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Slowenien biete ich Reittherapie und Konzeptionierungen für pädagogische Einrichtungen (vorrangig pferdegestützt) an. Ab dem kommenden Jahr bilde ich dann mit ausgewählten Dozenten auch pferdegestützte Coaches und Reittherapeuten aus. Die ersten Ausbildungsgänge sind bereits ausgebucht.

Warum ich das nun auch noch mache? Ich möchte zeigen, dass es möglich und vor allem dringend nötig ist, Tieren wieder auf Augenhöhe zu begegnen. Dass es anders geht, als mit Druck und Zwang. Ich möchte, dass die Augen von Mensch und Tier wieder glänzen, wenn sie miteinander arbeiten dürfen. Ich möchte mit Leichtigkeit meinen Kunden zu mehr Authentizität und Verständnis für sich und ihr Gegenüber verhelfen. Ich möchte Übersetzen, neue Wege bestreitbar machen und dafür sorgen, dass die Augenhöhe wieder stimmt. Mit Kraft, Energie und Leidenschaft.

 

 

Diese Geschichte wurde von Lisa Marie Kießling eingereicht.