überkochen steht für Ernährungsbildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung und einem kreativen Ansatz in der Entwicklung von Schule und Bildung.

Bekanntgabe Titelträger*innen 2018. Kultur- und Kreativpiloten 2018 | BMWi, Berlin – 12.11.2018

Der überkochen – Wagen ist für den Schuleinsatz entwickelt und ermöglicht eine vielfältige Verwendung im Klassenzimmer. Die ergänzenden Lernmaterialien verbinden das Kochen mit den Unterrichtsinhalten oder helfen bei der Gestaltung kreativer Unterrichtsstunden. überkochen trägt zur Ernährungsbildung an Schulen bei und adressiert die ökologischen und sozialen Ziele der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. Das gemeinsame Kochen stärkt die Klassengemeinschaft und bietet Austausch und Verständigung zwischen unterschiedlichen Kulturen. Neben der Förderung von Selbstwirksamkeit werden Lerninhalte aus unterschiedlichen Fächern alltagsnah vermittelt und in Bezug zur Umwelt der Schülerinnen und Schüler gebracht. Und wie kam es dazu?

 

Was kann Design an einer Schule bewirken?

Mit dieser Frage starteten wir, Constanze Buckenlei und Marco Kellhammer, Ende 2015 an einer Grund- und Mittelschule in Bad Tölz die Recherche über den Status quo der Lernsituationen und über die unterschiedlichen Aufgaben, die den Schulen heute zukommen. Wir studierten Industriedesign im Master an der Technischen Universität München. Initiiert wurde das Projekt mit dem Titel ‚Schule designen‘ von der Hans Sauer Stiftung. Mit unterschiedlichen Methoden, wie Forschungstagebücher für Schüler*innen, Gespräche in der Mensa oder Dokumentmentation über den Inhalt der Pausenbox entdeckten wir nach und nach, wie wenig Beachtung das Thema Ernährung im Schulalltag findet. Gleichzeitig gab es Ende 2015 an vielen Schulen sogenannte Willkommensklassen. Die Klassen für Migrant*innen hatten jedoch teilweise andere Pausenzeiten und es gab wenig Möglichkeiten des Austauschs.

 

Gemeinsam kochen und lernen – was spricht dagegen?

Die ausführliche Analyse der Recherche machte klar, dass es an den Schulen an Alternativen fehlt. Hauswirtschaftsunterricht gibt es nur noch an wenigen Schulformen und entspricht nicht unser Idee eines spielerischen Zugangs zum Thema Ernährung. Mensen sind Wirtschaftsunternehmen und bieten an, was günstig ist und eventuell auch gleich für das Seniorenheim nebenan geeignet ist. Außerdem sind heute oftmals beide Elternteile berufstätig, die Kinder besuchen eine Ganztagsschule, oder es fehlt das Wissen und die Zeit, gemeinsam zuhause zu kochen und zu essen. Mit der Forderung nach Ernährungsbildung in Schulen wird klar, dass die Verantwortung für den Umgang mit Lebensmitteln, mit der eigenen Ernährung, längst auch im Unterricht liegt. Hinzu kommen die Ziele einer Bildung für nachhaltige Entwicklung, welche von der UN verfasst sind und als Leitlinie von Lehrplänen gelten. Verantwortungsbewusster Konsum und Umgang mit Ressourcen, Geschlechtergerechtigkeit, gleichwertiger Zugang zu Nahrung – Themen die sich nur schwer über Arbeitsblätter abbilden lassen. Gemeinsam zu kochen beinhaltet jedoch alle diese Themen – Gleichberechtigung, Umgang mit Ressourcen, kulturelle Vielfalt und einkaufen – wiegen und messen ist gleichzeitig eine Mathematikübung. Noch im gleichen Semester haben wir am Referat für Bildung und Sport der Stadt München gefragt, was dagegen spricht, im Klassenzimmer zu kochen. Rechtlich einmal gar nichts. Im Rahmen eines pädagogischen Angebots für Schüler*innen gelten die herkömmlichen Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen. Die Ernährungsbildungsbeauftrage war von unserer Idee sogar angetan und wir berichteten, dass wir mit einem kompakten Küchenwagen alle Voraussetzungen im Klassenzimmer schaffen können. Mit der Gewissheit uns im rechtlichen Rahmen zu bewegen, bauten wir einen ersten Prototyp. Der Wagen ist so gestaltet, dass er durch die Klassenzimmertür passt und in rollstuhlgerechte Aufzüge. Trotzdem bietet er genug Stauraum für einen Klassensatz Besteck, Schüsseln, Kochwerkzeuge, Schneidebrettchen und Schürzen. Ergänzend zum Wagen, gestalteten wir erste Unterrichtsmaterialien und einfache Rezepte. Zur Semesterpräsentation wurde dann mit einer Schulklasse in Bad Tölz an dem Wagen gekocht und alle Schüler*innen wollten mitmachen. Das war die Geburtsstunde von überkochen.

 

Als wir merkten, dass die Idee nicht in der Schublade landen sollte:

Nach der Begeisterung der Schüler*innen kamen auch einige Lehrer*innen auf uns zu und fragten, ob wir die Idee weiter ausarbeiten. Der frühe Kontakt zum Referat für Bildung und Sport wurde reaktiviert und wir konnten zeigen, dass der Wagen funktioniert. Ein halbes Jahr versuchten wir dann Geschäftsmodelle zu entwickeln oder Produktionspartner zu finden. Dabei änderten wir den gesamten Entwurf und optimierten die Materialien und Konstruktion so, dass der Wagen robuster, praktikabler und einfacher zu verwenden war und günstiger zu fertigen. Ein Induktionskochfeld wurde integriert, ein Auszug für Schälabfälle und Flüssigkeiten, sowie ein System zur Mülltrennung. Über ein anderes Hochschulprojekt entstand ein Kontakt zu den Werkstätten der Justizvollzugsanstalt Bayern. Der Betrieb in Niederschönenfeld gibt jungen Straftätern die Chance eine Berufsausbildung zu machen und eine Beschäftigung. Gemeinsam mit dem dortigen Schreinermeister überarbeiteten wir die Konstruktion erneut, so dass alles in der dortigen Werkstätten gefertigt werden kann. Parallel stellten wir das Konzept in München auf Bildungskongressen vor und arbeiteten an den Unterrichtsmaterialien. Studenten der Hochschule Albstadt-Sigmaringen mit Schwerpunkt Hygiene und Ernährung, entwickelten Rezepte und berechneten sogar die entsprechenden Nährwertangaben. So entstand in einem weiteren Jahr ein genaues Bild, wie der Kochwagen den Unterricht bereichern kann und wie vielfältig er eingesetzt werden kann. Die Stadt München entschied sich für eine Pilotphase an drei Schulen, ein weiterer Wagen ging nach Bad Tölz. Im Schuljahr 17/18 begleiteten wir diese Pilotphase, kochten mit Lehrer*innen und Schüler*innen und hörten sehr genau hin, wo es Probleme gibt und was wir verbessern können. Sogenannte Kinderkrankheiten gab es viele, aber im großen Ganzen gab es viel positives Feedback und bei den Schüler*innen kam es richtig gut an. Die Herausforderungen konnten wir alle bewältigen und haben dabei sehr viel Unterstützung erfahren. Mit dem Gedanken, auch über die Pilotphase hinaus weiterzumachen und das Konzept anzubieten mussten wir uns dann mit rechtlichen Fragen auseinandersetzen. Nach der Hälfte der Pilotphase, entschied sich die Stadt München zehn weitere überkochen-Wagen, inkl. Lernkonzept zu erwerben. Wir steckten mitten drin, in einer öffentlichen Ausschreibung. Erschrecken konnte uns da jedoch nichts mehr. Zu stark waren wir mittlerweile und wussten, welche Wirkung wir in den Schulen erzielen können. 2018 gründeten wir schließlich einen Verein, optimierten das Produkt nach allen geltenden Vorschriften und gewannen die Ausschreibung. Nebenher wuchs das Interesse und es kamen weitere Schulen mit Kooperationsanfragen auf uns zu. Seit diesem Schuljahr sind wir an 16 Schulen im Einsatz. Den ersten Prototyp spendeten wir an einen Verein für Kinder mit Ernährungsproblemen, auch er ist wöchentlich im Einsatz. Unser Team ist auf drei Personen gewachsen und hinzukommen weitere ehrenamtliche Vereinsmitglieder, die uns mit Wissen und praktischen Fertigkeiten unterstützen. Besonders gefreut hat uns die Auszeichnung als Kultur- und Kreativpiloten 2018 von der Bundesregierung, vertreten durch das BMWi.

Im kommenden Jahr möchten wir überkochen weiter skalieren, mehr Schüler*innen erreichen, an Verleihmodellen des Kochwagens arbeiten und mit erweiterten Workshopangeboten die Arbeit von Lehrer*innen an den Schulen ergänzen. Wir hoffen fest, dass der Weg uns an viele Schulen führt und wir gemeinsam die jeweiligen Herausforderungen über das gemeinsame Kochen meistern werden.

 

 

Diese Geschichte wurde von Marco Kellhammer eingereicht.