Der folgende Text wurde auch als Podcast veröffentlicht. Anhören kann man sich den Podcast unter www.audiofish.de/stories.

Heimatgeschichte. Dieses Wort klingt, als wäre es aus der Zeit gefallen. Dabei ist „Heimat“ im Jahr 2018 plötzlich in aller Munde: Mit Horst Seehofer hat die Bundesrepublik zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen Minister für Heimat, in den Bestseller-Listen feiert das Genre der Heimatliteratur seine eigene Renaissance und nebenher debattiert das ganze Land wer sich nun in Deutschland heimisch fühlen darf und wer nicht.

Meine eigene Heimat liegt in Mecklenburg-Vorpommern, genauer gesagt im Ostseebad Ahrenshoop. An dem vor über 125 Jahren zur Künstlerkolonie aufgestiegenen Dorf erfreuen sich jedes Jahr unzählige Touristen. Die Mischung aus Natur und Kunst funktioniert, wie die Strände bei Sonnenschein und die Galerien bei Regenschauern beweisen. In diesem Dorf bin ich geboren, aufgewachsen und habe dort den Grundstein für meine Selbstständigkeit gelegt: Es begann mit der Idee, die Geschichte meines Heimatortes zu erzählen und für Jedermann erfahrbar zu machen – in Form einer Audioguide-App.

Ich wälzte unzählige Bücher, sprach mit Menschen aus dem Ort und sammelte Informationen, Biographien sowie Zeitzeugenberichte. Die Geschichten sollten lebendig sein und nicht mit aneinandergereihten Jahreszahlen nerven; sie sollten Ecken von Ahrenshoop zeigen, die man nicht auf Anhieb entdeckt und sie sollten Tagesausflüglern, eingefleischten Ahrenshoop-Fans und den Einheimischen gefallen. Es entstanden 18 Geschichten, die mit einer Vielzahl von Zeitzeugnissen unterlegt wurden. 15 verschiedene Sprecher gaben den Texten ihre Stimme und verpackt wurde alles in einer App, die dem Nutzer höchsten Komfort beim Erkunden des Ortes bietet.

Vollkommen blauäugig war ich in die Selbstständigkeit gestolpert und veröffentlichte im März 2017 mit dem „Audioguide Ahrenshoop“ mein erstes, selbstfinanziertes Produkt. Die Regionalzeitung berichtete, das NDR nordmagazin drehte einen Fernsehbeitrag und die Einheimischen zeigten Interesse an meiner Arbeit. Während dieser Zeit hatte ich viel gelernt – über Selbstdisziplin, Marketing, Steuern, über die Geschichte meines Heimatortes und irgendwie auch über mich selbst.

Noch im gleichen Jahr erhielt ich ein Stipendium in der Lokalhelden Gründerwerkstatt, startete einen Podcast mit Geschichten aus Mecklenburg-Vorpommern und trat in Gespräche für das nächste Projekt. Im November 2018 folgte dann auf Ahrenshoop ein Audioguide für die Stadt Gadebusch. Im Auftrag der Stadt und finanziert durch EU-Fördermittel, recherchierte und schrieb ich 17 Geschichten, die ein vielfältiges Bild der Stadt Gadebusch und der umliegenden Region zeichnen. Durch die Förderung kann Gadebusch seinen Gästen die App kostenlos zur Verfügung stellen.

Schritt für Schritt geht es voran mit meiner Selbstständigkeit und Schritt für Schritt wachsen meine Ideen und Vorstellungen. Bisher dreht sich alles um Mecklenburg-Vorpommern. Hier gibt es bis heute viel Platz, um sich auszutoben und gleichzeitig ist eines der ärmsten Länder der Bundesrepublik – ich denke dieser Kontrast und meine persönliche Bindung zu diesem Landstrich machen für mich den Reiz aus, hier zu leben und zu arbeiten. In Zukunft möchte ich weiter die Geschichten von kleinen Orten erzählen und unsere Besucher für die regionalen Besonderheiten sensibilisieren. Und vielleicht kann ich dazu beitragen, dass der eine oder andere Mecklenburg-Vorpommern besser versteht oder sich sogar hier heimisch fühlt.

Konservativ gesehen ist „Heimat“ ein erhaltungswürdiger Zustand – eine sichere Scholle im modernen Leben der Beschleunigung. Für mich jedoch ist „Heimat“ ein Beispiel für Dynamik: Menschen kommen und gehen, Landschaften verändern sich, Gebäude werden abgerissen, neue Bauten errichtet. Und alles was passiert ist mit persönlichen Emotionen aufgeladen, alles hat eine Geschichte. Damit steht jeder von uns vor der Herausforderung mit seiner Umgebung zu wachsen, sich Problemen zu stellen und den eigenen Platz zu finden. Ich bin davon überzeugt, dass uns der Blick auf die Vergangenheit dabei helfen kann. Wenn wir wissen, wie es früher einmal war, können wir die Gegenwart besser nachvollziehen. Diese Kenntnisse und Beobachtungen wappnen uns, um mit sicherem Schritt in die Zukunft zu gehen.