Ein persönlicher Schicksalsschlag machte aus der bis dahin erfolgreichen Beraterin Anne Blumers eine Socialpreneurin. Mit ihrem digitalen Ernährungsberater für Krebspatienten möchte sie Betroffene und deren Angehörige unterstützen. Denn, davon ist sie überzeugt: „Mit Ernährung kann man Beschwerden teilweise lindern oder sogar verbessern und so nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch die Bedingungen für die Therapie verbessern.“

 

„Manchmal teilt dir das Leben die sauerste Zitrone zu – versuche immer, daraus Limonade zu machen…
wie ein Schicksalsschlag mich zum Social Entrepreneur machte.“

 

Kurzbeschreibung

Ich habe 2014 meinen besten Freund von der Diagnose Krebs bis zu seinem Tod begleitet. Nach seinem Tod habe ich beschlossen mein berufliches Know-how als Online-Expertin und Gründerin und meine Erfahrungen mit dem Thema Krebsernährung sinnvoll zu nutzen und das Projekt eat what you need – was essen bei Krebs? – ein der digitaler Ernährungsberater, ins Leben zu rufen. Ich will anderen Krebspatienten und Angehörigen den mühsamen Weg ersparen, den wir gehen mussten.

Die ganze Geschichte

Ich weiß noch ganz genau wo ich war und was ich in genau dieser Minute gemacht habe. Ich war gerade erst von Berlin nach Stuttgart zu meinem Freund gezogen. Nach den schwierigen Jahren, meiner Scheidung, der turbulenten und aufreibenden Zeit als ich meine ehemals erfolgreiche Firma schließen musste, schien es seit einigen Monaten nur noch bergauf zu gehen.

Nach 4 Jahren Fernbeziehung waren mein Freund und ich endlich zusammengezogen und sehr glücklich. Ich war als Beraterin und Businessangel gefragter denn je. Die schlechten Jahre lagen hinter mir, mein unerschütterliches Durchhaltevermögen hatte sich ausgezahlt, da war ich sicher! Ab jetzt würde alles immer nur noch besser werden. Singend saß ich an dem sonnigen und für März ungewöhnlich warmen Tag im Auto auf dem Weg zum Einkaufen, als Lena, die Freundin meines besten Freundes mich anrief und mir die Nachricht überbrachte. Die Nachricht oder besser die Diagnose. Krebs, Malignes Melanom, schwarzer Hautkrebs, Stadium IV. Es war nichts mehr zu machen.

Der Arzt in der Berliner Klinik hatte nur lapidar gesagt, regeln Sie ihre Angelegenheiten. Ich war sprachlos, fassungslos, das konnte nicht sein. Marc war 37, er stand voll im Leben, nur 2 Wochen zuvor hatten wir in Köln zusammen einen Businessdeal verhandelt und danach gemeinsam Karneval gefeiert. Dieser Mann, den ich seit ich 14 war kannte, der so viele Jahre mein bester Freund war, mit dem ich mit gerade mal 25 eine Firma gegründet hatte, mit dem ich 6 Jahre Tisch und Bett geteilt hatte und 3 Jahre verheiratet gewesen war. Der immer noch mein besten Freund war, obwohl wir eine unschöne Trennung und eine Scheidung hinter uns gebracht hatten. Mit dem ich Ideen und Träume besprach, mindesten 3 Mal in der Woche telefonierte, der meine Sätze und Gedanken mühelos erkennen und ergänzen konnte, der wie ein Bruder für mich war. Dieser Mensch sollte nun sterben?! Das konnte nicht sein. Ich ging nach Hause, besprach mich mit meinem Freund, packte meine Sachen und fuhr nach Berlin.

Dort blieb ich für knapp 7 Monate und unterstütze und begleitete Marc in seinem verzweifelten Kampf gegen den Krebs. Die Krankheit, die ihn langsam aber sicher buchstäblich auffraß. Wir probierten alles – schulmedizinisch, wie alternativ – waren in 6 verschiedenen Kliniken, bei zig verschiedenen Ärzten. Wir, das waren Marc, seine Freundin Lena, mein Freund und ich als enger Zirkel und ca. 10 enge Freunde, die uns unterstützten, wo sie nur konnten. Wir recherchierten und suchten nach der Rettung, wälzten Bücher und lasen Forum um Forum, Leidensgeschichten, Geschichten über Wunderheilungen und Verschwörungstheorien. Wir quälten Marc mit Tinkturen und Tees aus der Kräuterapotheke, ungenießbaren Kochexperimenten und unvernünftigen Nahrungsmitteleinschränkungen. Wir rieben Kurkuma über alles, was er zu sich nahm, in der Hoffnung das Gewürz könne wirklich die Krebszellen abtöten. Zucker wurde aus dem Haushalt verbannt und alle tranken nur noch Matcha Tee.

Marc verlor an Gewicht. Anfangs fiel uns das nicht wirklich auf, er hatte starke Nebenwirkungen von einer experimentellen Therapie und bei einem Startgewicht von 98 Kilogramm macht sich niemand sorgen, wenn der Patient einige Kilos verliert. Zumindest hat das in unserem Fall niemand getan. Wir haben in all den Monaten nie einen Ernährungsberater zu Gesicht bekommen. Heute weiß ich, dass das bei 500 onkologischen Ernährungsberatern, die es deutschlandweit für ca. 1,6 Millionen Krebskranke gibt, kein Wunder ist. Die wenigsten Patienten erhalten in Deutschland eine fundierte Ernährungsberatung bei Krebs. Stattdessen verlassen sie sich, wie wir auch, allzu oft auf unseriöse Heilversprechen und Krebsdiäten aus dem Internet. Ein einziges Mal hat ein befreundeter Arzt, mit dem ich am Telefon gesprochen hab zu mir gesagt, passt auf, dass er kein Gewicht verliert. Aber darüber aufgeklärt, dass Mangelernährung eine der gefährlichsten, wenn nicht sogar die gefährlichste Folgeerkrankung bei Krebs ist und fast ein Viertel aller Krebspatienten nicht am Primärtumor, sondern an den Folgen einer Mangelernährung stirbt, hat uns niemand. Genauso wenig, dass Fachleute bei einem ungewollten Gewichtsverlust von 5 % innerhalb von 3-6 Monaten bereits von einer Mangelernährung sprechen. Marc verlor 30 Kilogramm innerhalb von 12 Wochen.

Bei seinem Tod Ende August wog er nur noch knapp 50 Kilogramm. Von dem charmanten, fröhlichen Bären war am Ende nur noch ein Schatten, eine Erinnerung übrig. Er hat, wir haben den Kampf verloren.

Die ersten Monate nach Marcs Tod war ich wie leer – ausgelaugt vom Verlust und der Trauer, aber auch von den Monaten der psychischen und physischen Dauerbelastung als pflegende Angehörige eines todkranken Menschen. Dennoch spürte ich, diese Zeit, diese Erfahrung hatte etwas in mir, hatte mich verändert. Ich wollte mein Leben nicht so weiterführen, wie ich es bis zu jenem Tag im März 2014 geführt hatte. Der Tag, der alles veränderte. Ich wollte jeden Tag meines Lebens nutzen, denn ich war ja noch hier, ich hatte die Chance, die Marc versagt war, ein erfülltes – ein sinnvolles Leben zu führen.

Ich hatte mich während ich Marc begleiten durfte immer wieder mit dem Thema Ernährung befasst. Nachdem wir monatelang die gängigen Krebsdiäten ausprobiert hatten, hatte Marc, der immer ein absoluter Gourmet und Genussmensch gewesen war, ein lautstarkes Veto eingelegt und wir waren dazu übergegangen all das zu Kochen, was er gerne aß. Heute bin ich dankbar, dass wir am Ende noch wundervolle gemeinsame Tage und Abende hatten, an denen wir gemeinsam gekocht, gelacht, gegessen und getrunken haben. Ich beschloss diese Erfahrungen weiterzugeben. Vielleicht konnte ich anderen Betroffenen helfen. Ich war seit 10 Jahren als Gründer und Onlineprofi tätig. Mein Knowhow und meine Erfahrungen sollten anderen Betroffenen helfen. Mein Kopf begann zu arbeiten und eine Idee nahm immer mehr Gestalt an. Mein geistiger Sparingpartner Marc fehlte mir, wir hatten in all den Jahren jede Idee, jeden noch so kleinen Funken, jeden Einfall ausgetauscht. Andererseits wuchs mein Ehrgeiz seinem Tod in irgendeiner Art und Weise im Nachhinein noch etwas Gutes, etwas, das er durch seine Krankheit und seinen Tod angeschoben hatte, abtrotzen zu können.

Heute, drei Jahre später, ist der digitaler Ernährungsberater für Krebspatienten kurz davor online zu gehen. Ich habe in meinen Mitgründerinnen Sandra Neubauer, einer Lernsoftwareingenieurin und Nicole Erickson, eine der namhaftesten onkologischen Ernährungswissenschaftlerinnen in Deutschland die Mitstreiterinnen gefunden, die das Projekt braucht.

Im April 2017 haben einige von Marcs Weggefährten und ich zusammen mit Ärzten und anderen Experten den gemeinnützigen Verein eat what you need e.V. Allianz für bedarfsgerechte Ernährung bei Krebs als Träger des Projekts „Was essen bei Krebs? – der digitale Ernährungsberater“ gegründet. Wir haben uns mit dem Krebszentrum der LMU München am Klinikum Großhadern zusammengetan und werden von der Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Prävention und integrative Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft unterstützt.

Die Finanzierung des Projekts war langwierig, da eine klassische Startup-Finanzierung durch Risikokapitalgeber, wie ich sie bis dato kannte, nicht realisierbar war. Investoren suchen nach Optionen ihr Kapital zu vermehren und interessieren sich leider selten für Projekte, die nicht gewinnorientiert sind. Aber wir haben nie aufgegeben. Nach intensiven Bewerbungen und vielen, vielen Gesprächen, die ich geführt habe, konnten wir eine Stiftung überzeugen einen Teil des Projekts zu finanzieren und erhalten immer wieder Spenden von Unternehmen und Privatpersonen, die von der Wichtigkeit und Zukunftsfähigkeit des digitalen Ernährungsberaters überzeugt sind.

Dieses Projekt ist mein persönlicher Mount Everest. Keines der Startups, die ich gegründet oder betreut habe, war nur annähernd so komplex. Allein die Masse der Inhalte, die wir benötigen, um Patienten ein solides Grundwissen rund um das Thema Ernährung bei Krebs, die Gefahren von Mangelernährung und die verbreitetsten Nebenwirkungen und Beschwerden zu vermitteln, ist eine große Herausforderung. Da wir uns vorgenommen haben dieses Wissen möglichst einfach verständlich und ansprechend aufzubereiten, haben wir uns mit den Produktionen von Präsentationen, Erklärvideos und Interviews mit Experten und Betroffenen eine weitere große Aufgabe gesetzt. Auf der technischen Seite wollen wir natürlich eine möglichst hohe Benutzerfreundlichkeit mit einem strukturierten und durchdachten System an Funktionen, die durch möglichst genaue Analysen und Tracking ein virtuelles Fangnetz für die Betroffenen entstehen lässt, welches sie rund um das Thema Ernährung abfängt und ihnen Sicherheit bietet. Wir wollen den Alltag der Patienten erleichtern und ihnen möglichst viel Lebensqualität zurückbringen. Essen soll keinesfalls ein weiterer Stressfaktor sein, sondern Normalität und bestenfalls sogar Genuss bringen. Oft gehen Therapien bei Krebs mit heftigen Nebenwirkungen einher, mit Ernährung kann man Beschwerden teilweise lindern oder sogar verbessern und so nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch die Bedingungen für die Therapie verbessern. Nach der Webseite planen wir den Patienten den digitalen Ernährungsberater Ende 2018 auch als App anbieten zu können. Die App wird noch einen Schritt weitergehen und wirklich personalisierte Ernährungsempfehlungen, zugeschnitten auf die Beschwerden und Bedürfnisse der Patienten anbieten. Was essen bei Krebs – der digitale Ernährungsberater ist das, was ich mir gewünscht hätte, als ich Marc zur Seite stand.

Heute bin ich stolz, dass meine Mitgründerinnen und ich etwas schaffen, das Krebspatienten einen wirklichen Mehrwert bieten wird. Der digitale Ernährungsberater wird alle Patientenfragen zum Thema Ernährung bei Krebs fundiert, praxisnah und einfach verständlich beantworten. Wenn ich es schaffe nur einen einzigen Patienten vor einer Mangelernährung zu bewahren, hat sich mein Bestreben gelohnt.

(Dieser Artikel wurde ursprünglich veröffentlicht auf ergo.com)