Bevor ich mit meiner noch jungen Lebensgeschichte beginne, möchte ich mich zunächst kurz vorstellen. Ich heiße Nathalie Girtgen, bin 18 Jahre alt und habe erst vor kurzem das Gymnasium mit Abitur abgeschlossen. Ich komme aus der kleinen, aber sehr schönen Stadt Bamberg in Bayern.

Schon in frühen Jahren wurde ich in den Bann der Zirkuswelt gezogen. Bereits mit drei Jahren trat ich, in dem nicht ganz so bekannten Zirkus Bonifaz, mit meinem Drachentanz, auf. Ein paar Jahre, als faszinierte Zirkuszuschauerin, später, beschloss ich selbst Artistin im Zirkus Giovanni zu werden. Lange Zeit trainierte ich Einrad fahren, Seiltanz und Akrobatik. Der Luftakrobatik (zunächst Vertikaltuch, dann Trapez) jedoch galt kurze Zeit später meine ganze Aufmerksamkeit und Leidenschaft.
Als 10-jährige begann ich von meiner Zukunft nach der Schulzeit zu träumen, nahm Stift und Papier zur Seite und schrieb das auf, was ich erleben möchte, wenn ich „erwachsen“ bin. Über Geld oder das, was Andere für richtig oder möglich hielten, machte ich mir dabei keine Gedanken. Herausgekommen ist so etwas wie Archäologin wie Lara Croft zu  werden oder einem buddhistischem Kloster beizutreten. Inspiriert wurde ich dabei meistens von Filmen, weshalb sich meine Träume oft verändert haben. Aber eine Sache, die ich auf diese „Bucket list“ geschrieben habe, blieb bis zu meinem Abitur: einem richtigem Zirkus beitreten und eine professionelle Zirkusartistin zu werden. Diese Liste habe ich leider 1-2 Jahre nach der Entstehung weggeworfen, wahrscheinlich habe ich die Träume nicht mehr für realistisch gehalten.

Der Wechsel in den Bamberger Zirkus Verein gab mir einen Stubs mehr in die professionellere Richtung, wobei ich mich vor allem auf das Trapez und das Tanzen konzentrierte. Mit 17 rückte der Schulabschluss immer näher und damit auch die Frage: was kommt danach?
Alle meine Freunde hatten ihre Wahl schon getroffen, Studium oder Ausbildung. Der Gedanken daran gefiel mir nicht, ich wollte mehr. Etwas erleben, andere Seiten auf der Welt kennenlernen. Mein Traum, dem Zirkus beizutreten, der einige Jahre in meinem Hinterkopf verstaut wurde, kam wieder zum Vorschein.
Als ich einen Bericht über Circus Mojo aus den USA gelesen hatte, beschloss ich meiner Leidenschaft zu folgen. Es war nicht nur die artistische Seite, die mich an Circus Mojo reizte, besonders die sozialen Projekte machen Circus Mojo und Gründer Paul Miller zu etwas einmaligem. Jahrelang schon besuchen die Artisten von Circus Mojo das Kinderkrankenhaus in Cincinnati und bieten den jungen Patienten Momente außerhalb des mühevollen und trüben Alltags im Krankenhaus. Selbst Kinder, die ihr Bett nicht verlassen können, lernen eine Feder auf ihrer Hand zu balancieren oder einen Teller auf einem Stab zu drehen. Circus Mojo vollbringt wahre Wunder: Ludlow, der Standort von Circus Mojo, ist offiziell eine Stadt der dritten Welt, hohe Kriminalität, schlechte Schulen und so gut wie keine Läden. Der Zirkus zieht Menschen aus allen möglichen Bundesstaaten an und bringt somit Leben in die kleine Stadt. Auch Schüler mit wenig Geld profitieren durch gratis Zirkustrainings, einen Weg aus ihrer misslichen Lage zu finden, bis hin zu einem gefeierten Zirkusartisten zu werden, wie es bereits ein ehemaliger Schüler von Paul Miller geschafft hat.

Es steckte einiges an Zufall und Glück, aber vor allem Mut und harte Arbeit dahinter. Es war etwas, das nicht viele in meinem Umkreis gewagt haben. Dennoch habe ich es durchgezogen und bin momentan hier in den USA bei Circus Mojo. Nach der Ankunft hier vor einigen Monaten war ich der Meinung, dass ich es geschafft hatte und das alles bergauf gehen würde. Teilweise stimmte es auch, jedoch stand mir der schwierigste Part bevor: alles war neu, ungewohnt und außerhalb meiner Komfortzone. Jeden Tag, bis heute, bringen mich viele Situationen an meine Grenzen: dutzende blaue Flecke, Wunden, Muskelkater, Tränen wegen Frustration und Heimweh. Einige Male war ich dem Abbruch sehr nahe.
In diesen Momenten erinnere ich mich, warum ich das alles ertrage. Es ist der Moment, wenn ich an meinem Trapez performe, die Musik durch mich fließt und ich in meinem Element bin. Es ist ein unbeschreibliches Glücksgefühl!

Für eine weitere Sache lohnt es sich: wir reisen mit dem Zirkus von Schule zu Schule mit der sogenannten „Dream Big Tour“, mit welcher wir Kindern Mut machen wollen, ihren Träumen zu folgen. Und zu sehen, dass wir die Schüler tatsächlich inspirieren und begeistern, genauso wie mich Zirkusartisten, mit 10 Jahren, inspiriert haben, erfüllt mich mit Stolz und Glück. Trotz der vielen Schwierigkeiten, die ich durchleben musste, würde ich diesen Weg wieder gehen, denn meinen Träumen zu folgen, ist alles was mich inspiriert und was ich  möchte.

 

Diese Geschichte wurde von Nathalie Girtgen eingereicht.
Das soziale Zirkusprojekt kann man hier unterstützen.